|
Integration bedeutet in Basel: Fördern und Fordern. Was das konkret heisst, zeigt eine Schule im Bahnhofsquartier Gundeldingen, in dem viele Ausländer leben.
Von Jean-Martin Büttner, Basel
Zehn Uhr morgens, die grosse Pause bricht aus. Mit der Ruhe im Schulhaus ist es vorbei. Aus allen Klassenzimmern stürmen die Kinder in den Flur. Sie laufen die Treppen hinunter und stürzen sich in den Pausenhof, sie reden, rufen, lachen, gestikulieren, streiten sich und was lebendige Kinder zwischen 10 und 13 Jahren sonst noch alles tun. Nur einer schafft es nicht aus dem Gebäude,
oder nicht sofort: Ein Lehrer ruft ihn scharf zurück. Er muss ihm die Baseballkappe abgeben, die er keck auf dem Kopf trägt. Warum? «Bei vielen Jungs gelten Kappen als Zeichen der Hierarchie», sagt Thomas Baumgartner, der an diesem Tag Pausenaufsicht hat. «Das akzeptieren wir nicht. Die einzigen Chefs an der Schule sind wir.» Er verzieht keine Miene.
Paulinia, Iván, Benjam
Zwei Tage später steht Nuran Kahyaoglu vor ein paar Kindern in einem viel zu grossen Schulzimmer. Sie ist eine kleine energische Frau mit runder Hornbrille, alle im Quartier nennen sie Nuran. Sie ist Türkin, hat in Ankara Germanistik studiert, später in der Schweiz doktoriert und unterrichtet seither in Basel Deutsch und Türkisch. Den Morgen hindurch hat sie in verschiedenen Klassen verbracht, aber nicht vorne an der Wandtafel, sondern in der Schulbank, wo sie sich zu türkischen Kindern setzte, die mit dem Unterricht, der Sprache oder beidem Mühe haben. Sie hat ihnen erklärt, was der Lehrer von ihnen wollte. Am Nachmittag wird sie den Müttern dieser Kinder Deutschunterricht erteilen und dabei die Probleme des Alltags behandeln, vom Arztbesuch der Mutter bis zum Discobesuch der Tochter.
Jetzt steht sie bei der Wandtafel, vor ihr sitzen nebeneinander drei Kinder, die ihre Klasse für eine Deutschstunde vorübergehend verlassen haben. Dass Nuran Türkin ist, nützt ihr hier wenig: Paulinia kommt aus Brasilien, Iván aus Argentinien und Benjamin aus Rumänien. Jeder von ihnen hat ein Wörterbuch in seiner Sprache mitgebracht, in dem die Lehrerin nachschlagen kann, wenn sie ihnen etwas in ihrer Muttersprache erklären muss. Die Kinder können kaum Deutsch. Sie verständigen sich mit Gesten und Wörtern in verschiedenen Sprachen - auch untereinander.
Nuran fragt, woher sie kommen, korrigiert ihre Antworten und schreibt sie an die Tafel. Als die Aufmerksamkeit der Kinder sinkt und etwas Unruhe aufkommt, sagt sie: «Das hier ist die Schweiz. Hier herrscht Ordnung.» Sie tut das freundlich, aber bestimmt. Die Kinder hören wieder zu. Jedes darf ein Lied singen. In seiner Sprache. Das Problem fremdsprachiger Kinder wird Nuran einem später erklären: «Viele sind in keiner Sprache mehr zu Hause. Aber erst wer die eigene Sprache beherrscht, kann eine andere richtig lernen.» Nuran sei ein Glücksfall für Basel, sagt Silvia Bollhalder, die im Erziehungsdepartement für Sprachen zuständig ist. «Sie hat ein Gespür für die Leute, sie ist freundlich und zugleich eine Autoritätsperson. Und sie kennt ihre Kultur und Sprache genauso gut wie die unsrige.»
Die Orientierungsschule Gundeldingen befindet sich in einem Quartier, das die Basler Gündül nennen, weil hier so viele Türkinnen und Türken leben. Fast drei Viertel der Kinder sind fremdsprachig, ihre Eltern kommen aus der ganzen Welt. Klassen mit bis zu neunzig Prozent Ausländern sind keine Seltenheit. Was in vielen Schweizer Städten reflexartig mit Chaos, Verfall, sozialen Problemen und Kriminalität assoziiert wird, trifft man hier nicht an.
Auf Störungen wird sofort reagiert
Der Schulplatz ist fast schon peinlich sauber aufgeräumt, die Wände sind frei von Graffiti, die Flure im schönen alten Schulhaus glänzen, die Kleider hängen korrekt an den Haken. Die Schüler dürfen an der Schule keine Handys benutzen und auf dem Schulhof keine Rollbretter. Lehrer und Schüler begrüssen sich, oft mit Handschlag. «Dabei schaut man sich in die Augen», sagt Stefan Meier, der seit 25 Jahren hier unterrichtet und Umgangsformen als Ausdruck von Respekt wertet. Der Unterricht wird konsequent auf Hochdeutsch geführt, sogar im Sport. Auf Störungen reagieren die Lehrer sofort. «Aufgeber gewinnen nie», steht in einem der Klassenzimmer, in einem anderen hängen Regeln, wie man bei Streitigkeiten miteinander umgeht. Das heisst nicht, dass die Kinder hier dressiert werden, von Drill kann keine Rede sein. Es heisst nur, dass die Lehrer ihre Verantwortung wahrnehmen.
«Fördern und Fordern» nennt der Integrationsbeauftragte Thomas Kessler das Prinzip, das er mit seinem Team für Basel entwickelt hat. An der Orientierungsschule Gundeldingen wird beides betrieben. Wie Gespräche mit Lehrern und der Schulleitung, mit Mediatoren und Beamten, Müttern und ihren Kindern zeigen, wird das Fordern durchgesetzt und das Fördern angewandt. Beides wird registriert und akzeptiert.
Fordern heisst: Die Schule stellt Regeln auf, die den Kindern und ihren Eltern auch erklärt werden. Die Elternabende sind obligatorisch, und die Schulleitung macht klar, dass sie hier für die Ausbildung zuständig ist. Fordern heisst, dass fremdsprachige Mütter Deutschkurse besuchen, dass ihre Kinder auch beim Schwimmunterricht und dem Klassenlager mitmachen. Fordern heisst, dass die Jugendanwaltschaft unterrichtet wird, wenn zum Beispiel Kinder von Mitgliedern einer Bande eingeschüchtert werden oder sich selber in solchen Banden herumtreiben und andere plagen. Das geschehe an dieser Schule eher selten, sagt der leitende Jugendanwalt Beat Burkhardt, gerade weil die Lehrer gut zu den Kindern schauten. Sein eigener Sohn geht auch hier zur Schule.
Nicht ohne ihre Mütter
Fördern wiederum bedeutet, dass die Eltern in die Schulerziehung ihrer Kinder laufend einbezogen werden. Dass bei den Elternabenden Dolmetscher zur Verfügung stehen. Dass den Eltern im Umgang mit den Behörden geholfen wird. Auch das Fördern der fremdsprachigen Kinder wird in Basel mit einigem Aufwand betrieben, finanziert von Bund, Kanton und einem Spezialfonds.
Von den Spezialklassen ist man eher abgekommen, dafür unterrichtet man die Kinder in Kleingruppen und lässt sie wenn immer möglich in ihrer Klasse lehren. Diese intensive Betreuung sei entscheidend, sagt Nuran, «weil die Kinder zu Hause oft wenig Hilfe bekommen». Für ebenso wichtig hält sie den Kontakt mit den Müttern. Das sehen diese offenbar genauso. «Früher konnte ich die Aufgaben nicht einmal lesen», sagt etwa Saziye Caprak, eine Kurdin, deren Kinder hier zur Schule gehen. «Inzwischen kann ich meiner Tochter beim Diktat helfen.»
Harte Arbeit für beide Seiten
Integration ist somit harte Arbeit für beide Seiten. Dabei bestreitet niemand, dass auch Basel mit Problemen zu kämpfen hat und nicht in Harmonie zergeht. Am allerwenigsten tut das Marcel Aebi, Ko-Schulleiter an der Orientierungsschule Gundeldingen und allergisch auf alles, was nach Konzeptgeschwafel und Schönrednerei klingt. Zwar laufe es «einigermassen gesittet», sagt er in seiner typisch unbeeindruckten Art, «doch haben auch wir Probleme mit jugendlicher Gewalt hier, vor allem ausserhalb der Schule.» Er bedauert auch, dass Schweizer Eltern aus dem Quartier wegziehen oder ihre Kinder in eine Klasse mit erweitertem Musikunterricht schicken, wo diese weit gehend unter sich bleiben. Und auch ihm ist klar, was der türkische Mediator Mehmet Turan kritisiert: «Fremdsprachige Kinder haben noch immer grosse Mühe, es bis ins Gymnasium zu schaffen.» Das habe aber, räumt er ein, mehr mit der sozialen als mit der kulturellen Herkunft zu tun.
Was hat Basel, was Zürich noch fehlt? In Basel glaubt man, dass die grössere Autonomie der Schulen sich bewährt. «Sie haben grössere Freiheiten, unsere Konzepte umzusetzen», sagt Hans Georg Signer vom Basler Erziehungsdepartement. Das sei von Vorteil, weil jede Schule anders sei. Martin Wendelspiess vom Zürcher Volksschulamt nennt einen zweiten Grund: «In Basel hat man früher erkannt, wie wichtig es ist, klare Regeln aufzustellen und durchzusetzen.» Nicht nur bei den Baseballkappen.
|